Philosophisches Kolloquium
Gebäude 23.21 Raum 02.26, Mittwochs 18:30 - 20 Uhr
Singular Thought and Descriptivism
François Recanati
01.02.2012
Abstract
I will discuss, and criticize, attempts to account for singular thought within a (refined) descriptivist framework. I will argue instead that we need a notion of acquaintance if we are to provide a satisfactory analysis of singular thought: singular thought about an object involves nondescriptive or de re ways of thinking of that object, that is, modes of presentation resting on contextual relations to the object.
Sophistes von Platon
Sascha Aulich, Alexander Christian und Lars Inderelst
25.01.2012
Abstract
Der SOPHISTES gehört mit dem POLITIKOS – seinem literarischen Zwilling – zu den Dialogen der späten Schaffens-phase Platons, die traditionell gegenüber den Dialogen der frühen und mittleren Phase als schwieriger zugänglich gelten. Durch den szenischen Anschluss an den THEAITETOS, die systematischen Bezüge auf den PARMENIDES, KRATYLOS und den schon erwähnten POLITIKOS sowie einer möglichen Weiterentwicklung der Ideenlehre entzieht sich der Dialog einer unmittelbaren und ausschließlich werkimmanenten Interpretation. Oberflächlich an der Frage nach dem Wesen des Sophisten orientiert, ist es die tiefgreifend metaphysische Frage nach dem Umgang mit dem Satz des Parmenides, nach dem die Existenz des Nichtseienden ausgeschlossen ist, die den Kern des Dialogs bildet. In unserem Masterteamprojekt untersuchen wir den SOPHISTES darauf hin, wie in ihm Begriffsbildung stattfindet, welche Arten von Begriffsbildung es gibt und in welchem Bereich sie angewendet werden: Der erste Teil der Arbeit (Sascha Aulich) ist der Frage gewidmet, inwiefern im SOPHISTES und bei Platon im allgemeinen ein reflexives Be-griffsverständnis – ein Begriff von »Begriff« – zu finden ist. Der zweite Teil (Alexander Christian) nimmt die Methode der Begriffsbestimmung durch Dihairese und den Methodenübergang von Dihairesen zur magista-gene-Lehre hin-sichtlich ihrer didaktischen und wissenschaftsphilosophischen Wirkung in den Blick. Der dritte Teil (Lars Inderelst) analysiert aus einer externen Begriffstypologie heraus die Beziehung zwischen Idee und Begriff bei Platon im Allge-meinen und im SOPHISTES im Besonderen. Das Masterteamprojekt wird betreut von Prof. Dr. C. Kann.
The Model-Model of the Theory-Theory
Marc Slors
18.01.2012
Abstract
"Theory of mind" (ToM) is widely held to be ubiquitous in our navigation of the social world. Recently this standard view has been contested by phenomenologists and enactivists. Proponents of the ubiquity of ToM, however, accept and effectively neutralize the intuitions behind their arguments by arguing that ToM is mostly subpersonal. This paper proposes a similar move on behalf of the phenomenologists and enactivists: it offers a novel explanation of the intuition that ToM is ubiquitous that is compatible with the rejection of this ubiquity. According to this explanation, we use ToM-talk primarily to model and thereby reconstruct nonmentalizing social-cognitive processes in order to explain our assessment of the behaviour of others. The intuition that ToM is ubiquitous is the result of mistaking the model for the real thing. This explanation is argued to be more complete than the "ToM-ist" explanation of the intuition that ToM is not ubiquitous.
The Law of Conditional Non-Contradiction
Matthias Unterhuber
11.01.2012
Abstract
Das Gesetz vom konditionalen Widerspruch besagt, dass 'wenn A dann B' und 'wenn A dann nicht B' widersprüchlich sind. Dieses Gesetz ist insofern interessant, dass es den Postulaten der klassischen Logik (Aussagenlogik, Prädikatenlogik) widerspricht, aber seit der Antike für seine Gültigkeit argumentiert wird. Wir werden dieses Gesetz im Rahmen eines Argument von Gibbard (1980; siehe auch Bennett, 2003) diskutieren, das zeigen soll, dass indikative Konditionale keine objektiven Wahrheitswerte haben können. Ich werde versuchen aufzuzeigen, dass Gibbards Argumentation nicht nur nicht erfolgreich ist, sondern dass Gibbard in seiner Argumentation das Gesetz vom konditionalen Widerspruch - entgegen seiner eigenen Behauptung - nicht annimmt.
Soziale Kognition und Extended Mind
Holger Lyre
21.12.2011
Abstract
Die Extended Mind-These besagt, dass sich kognitive Prozesse und Aktivitäten unter geeigneten Bedingungen über die Grenze des neuronalen Systems hinaus in Teile der Nahumgebung erstrecken können. Gleichzeitig führt diese These, die sich zunächst auf die Vehikel der Kognition bezieht, auch auf eine interessante neue Variante eines "aktiven" Externalismus mentaler Gehalte. Der Vortrag fokussiert auf die Erweiterung des Kognitiven in die soziale Umgebung, speziell auf die Zusammenhänge zwischen der Extended Mind-These und Theory of Mind-Fähigkeiten sowie geteilter Intentionalität.
Erklärung von prädiktivem Theorieerfolg
Carsten Held
14.12.2011
Abstract
Die Erklärung des prädiktiven Erfolges wissenschaftlicher Theorien spielt eine zentrale Rolle in der Debatte um den Wissenschaftlichen Realismus. Der realistische Vorschlag, dass die (ungefähre) Wahrheit der Theorien die beste Erklärung für ihren Erfolg darstellt, ist zu restriktiv, weil wir auch den Vorhersageerfolg völlig falscher Theorien einkalkulieren und mithin erklären müssen. Die in der Literatur diskutierten antirealistischen Vorschläge (u.a. von van Fraassen, Fine und Stanford) sind hingegen alle zu liberal, weil sie ergeben, dass prädiktiver Erfolg, der ein Glückstreffer und mithin unerklärlich ist, wohlerklärbar ist. Ein positiver Vorschlag für die angemessene Erklärung, der weder zu restriktiv, noch zu liberal ist, weist Naturgesetzen eine zentrale Rolle zu.
Kein Rätsel des Bewusstseins
Michael Pauen
07.12.2011
Abstract
Einer intuitiv höchst plausiblen Vorstellung zufolge gibt es bei der naturwissenschaftlichen Erklärung geistiger Zustände eine prinzipielle Grenze: Erkenntnisse über neuronale Prozesse werden uns niemals eine Erklärung dafür liefern können, warum z.B. Schmerzen sich so und nicht anders anfühlen. Im Gegensatz dazu wird der Vortrag zeigen, dass nicht nur die Argumente unzulänglich sind, mit denen diese Annahme gestützt werden soll, vielmehr haben wir auch Grund zu der Annahme, dass die zugrunde liegende Intuition einer prinzipiellen Rätselhaftigkeit geistiger Prozesse auf die Dauer verschwinden wird.
Es gibt kein Ich, es gibt nur mich
Ansgar Becker-mann
30.11.2011
Abstract
In der klassischen antiken und mittelalterlichen Philosophie spielt der philosophische Begriff des Ich kaum eine Rolle. Erst in der Neuzeit beginnt die Rede von dem Ich und dem Selbst erst zögernd, dann aber rasant um sich zu greifen. Damit beginnt eine äußerst beklagenswerte Entwicklung. Denn wenn man die Ausdrücke "Ich" und "Selbst" als Substantive und noch dazu als Gattungsbegriffe verwendet, tut man nicht nur dem eher unschuldigen Personalpronomen "ich" und der ebenso unschuldigen Partikel "selbst" erhebliche Gewalt an. Man handelt sich auch eine Menge selbst gemachter Probleme ein, die allesamt durch einen Verzicht auf das groß geschriebene "Ich" und das groß geschriebene "Selbst" vermieden werden könnten.
Bewegen und Denken - Handlungsbezogene Begriffe
Tim Seuchter
23.11.2011
Abstract
Was ist die Verbindung zwischen Denken und Bewegen? Dies ist eine der zentralen Fragen sogenannter Embodiment-Theorien, die in körperlichen Fähigkeiten, speziell der Fähigkeit mit der Welt zu interagieren, die Grundlage für höherstufige kognitive Fähigkeiten verorten. In diesem Vortrag soll es um eine Analyse von handlungsbezogenen Begriffen gehen. Im Zentrum wird J.J. Gibsons Theorie der Affordanzen stehen, deren Kernstück die Wahrnehmung von Handlungsmöglichkeiten, den Affordanzen, bildet. Affordanzen werden hier verstanden als ein Zusammenspiel von Eigenschaften der Umwelt und (körperlichen) Eigenschaften eines Lebewesens, welche in Verbindung bestimmte Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Ein Beispiel hierfür ist die Eigenschaft eines Stuhls, eine bestimmte materielle Beschaffenheit zu haben in Verbindung mit der Eigenschaft eines Lebewesens, eine bestimmte Körpergröße zu haben: Wenn sich diese Eigenschaften ergänzen, hat der Stuhl die Affordanz "sich-darauf-setzen-zu-können". Neben Gibsons Theorie werden verschiedene Interpretationen seiner Affordanz-Konzeption diskutiert, um auf dieser Grundlage einen neuen Interpretationsansatz für die Analyse von handlungsbezogenen Begriffen vorzuschlagen. Diesem Vorschlag folgend wird gezeigt, dass eine sinnvolle Analyse dieser Art von Begriffen einen wichtigen Beitrag zum Verständnis vom Zusammenhang zwischen körperlichen und kognitiven Fähigkeiten liefern kann.
Acquiring Abstract Concepts
Alex Tillas
16.11.2011
Abstract
During the last decade, there has been an effort to resuscitate the traditional empiricist thesis that the concepts used in thought are derived from perceptual states, but neo-empiricists have not developed a theory of how concepts are acquired. Without such a theory, a central plank of empiricism - the opposition to innateness of concepts - remains inadequately defended. In this talk, I am trying to fill this gap in recent research on concepts by developing a theory of concept acquisition. My hypothesis is that concept acquisition is a process that occurs on the basis of a domain-general cognitive mechanism, which exploits a limited number of perceptual pattern recognition abilities. Furthermore, a crucial role is ascribed to language especially in the process of acquiring lofty/abstract concepts.
Lässt sich Selbstbewusstsein als "Selbst-Repräsentation" verstehen?
Manfred Frank
09.11.2011
Abstract
Eine junge Richtung der Philosophy of Mind nennt sich self-representationalism. Sie vertritt die These der ubiquity of self-awareness, wonach Bewusstsein dadurch zustande komme, dass eine gegenstandsgerichtete Repräsentation sich selbst (nebenbei, aber notwendig und stets) mit repräsentiere. Der Selbstrepräsentationalismus (vertreten von Kriegel, Horgan, Siewert, Williford u. a.) legt Wert darauf, sich von so genannten Higher-order-Theorien (a la Rosenthal, Carruthers, Gennaro) abzusetzen, weil diese in Zirkel oder infinite Regresse münden, und vertritt ihnen gegenüber eine Same Order Monitoring Theory. Ich halte die These für grundsätzlich richtig, bezweifle allerdings, dass der Selbstrepräsentationalismus den aufgewiesenen Zirkeln und Regressen entkommt. Repräsentationen sind zweistellige Relationen, die dem de-se-Charakter von Selbstbewusstsein nicht gerecht werden. Es scheint sich beim Selbstbewusstsein um ein ungegenständliches und gänzlich irreflexives Phänomen zu handeln. Das war schon die Ansicht von Philosophen der Tradition - wie Fichte, Brentano, Sartre oder Henrich.
Ist praktisches Wissen auf propositionales Wissen reduzierbar?
Eva-Maria Jung
02.11.2011
Abstract
In der Erkenntnistheorie steht fast ausschließlich propositionales Wissen im Mittelpunkt. Praktische Wissensformen werden zumeist nur als Randphänomen diskutiert. Durch die Kritik, die Jason Stanley und Timothy Williamson an der von Gilbert Ryle eingeführten Unterscheidung von knowing how und knowing that vorgebracht haben, ist jedoch in den letzten Jahren eine hitzige, sich über Fachgrenzen erstreckende Diskussion um den Status praktischen Wissens entfacht. Ich werde in diesem Vortrag dafür argumentieren, dass im Hinblick auf die aktuelle Debatte unterschiedliche Auslegungen der Frage, ob sich praktisches Wissen auf propositionales reduzieren lässt, unterschieden werden müssen. Darüber hinaus werde ich eine eigene Analyse praktischen Wissens vorstellen, die ein solches Wissen als irreduzibel herausstellt und zugleich die wesentlichen Bezüge zu propositionalem Wissen aufzuzeigen versucht.
Is Postmodernism Self-Refuting?
Charles Pigden
26.10.2011
Abstract
In this talk, I will argue that postmodernism's central thesis (as formulated by Lyotard) is either self-refuting or collapses into liberal fallibilist platitudes, familiar from the likes of Berlin, Russell and Popper. In the course of the argument I develop (what I think is) a novel concept of self refutation: there are claims such that if they are true it is not rational to believe them. There is a sting in the tail for complacent analytic philosophers.
Multiple Realization and the Conservative Reduction of Psychology
Patrice Soom
19.10.2011
Abstract
Both in philosophy of science and philosophy of mind, the multiple realization argument is traditionally interpreted as a conclusive anti-reductionist argument. I shall argue for three claims. First, the classical interpretation of multiple realization leads to an uncomfortable dilemma between epiphenomenalism and eliminativism. Second, it is however possible to dissolve this dilemma by giving up the assumption according to which every occurrence of a given higher-level type is causally perfectly similar. On that basis, one can elaborate a strategy of reduction by means of functional sub-types. This strategy is, third, conservative for the two following reasons. First, it is tailor-made to overcome the multiple realization objection. Second, the fact that higher-level types are multiply realized secures their scientific indispensability, since it is only by means of higher-level abstract types that we are able to capture patterns of similarities in which psychology, and more generally special sciences, trades.
Erklärung, Norm und minimalistische Wahrheit
Team-Projekt: auf der Straße, Melkonian
12.10.2011
Abstract
Der Minimalismus Paul Horwichs ist eine Form deflationistischer Wahrheitstheorien. Obwohl Wahrheit eines der zentralen Konzepte in der Philosophie ist und seit jeher Faszination auslöst, sagen Deflationisten -- stark zugespitzt formuliert --, dass der Wahrheitsbegriff tatsächlich ein sehr viel "langweiligerer" sei als viele meinen. Der Minimalismus beruft sich zur Erklärung der Wahrheit ausschließlich auf die Tatsache, dass Propositionen dann wahr sind, wenn das, was sie ausdrücken, der Fall ist. Der Theorie wird vorgeworfen, sie könne unter anderem folgende Dinge nicht erklären: (i) den Erfolg wissenschaftlicher Theorien, (ii) den Zusammenhang zwischen wahren Überzeugungen und erfolgreichen Handlungen, (iii) die Normen, die dem Gebrauch des Wahrheitsprädikates unterliegen. In dem Vortrag werden diese Kritikpunkte vorgestellt und der Minimalismus gegen sie verteidigt werden.