Linguistische Berichte 101/1986 @ Westdeutscher Verlag 
Mit freundlicher Genehmigung des Buske Verlags
 
 
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In Sachen Nullartikel

Sebastian Löbner, Düsseldorf

Es ist manchmal besser,
über nichts zu reden,
als nichts zu sagen.
(frei nach Goethe)

 
 
Dem Wahrheitssuchenden, vor allem dem Linguisten, darf nichts zu gering erscheinen, um es zum Gegenstand seiner Forschungen zu machen. Gibt man sich auch unter Laien mitunter der Lächerlichkeit preis, wenn man zugibt, daß man sich schon seit mehr als einem Jahr mit der Bedeutung eines Wörtleins beschäftigt, das aus ganzen drei Buchstaben besteht, so wissen wir uns doch wenigstens unter Fachleuten darin einig, daß, was wir dem Geringsten unter den Wörtern an Forschung angedeihen lassen, dem Ganzen der Sprache zugute kommt. Diese selbstverständlich ganz überflüssige Bemerkung sei mir an dieser Stelle erlaubt, weil sich dieser Artikel auch und gerade an den Laien richtet.

Es geht mir um jenes unscheinbare Etwas, das, den Engeln ähnlich, die keinen Körper, aber einen Geist besitzen, mit Bedeutung gesegnet ist, ohne indes über eine Lautgestalt zu verfügen: um den Nullartikel. Besonders der Deutsch lernende Ausländer ist in der Regel von diesem Wörtlein entzückt, braucht er sich doch wenigstens in diesem einen Falle weder um die Aussprache, noch um Flexion und korrekte Wortstellung Gedanken zu machen - so meint er zumindest. Aber weit gefehlt: er möge sich durch anfängliche Erfolge bei der Artikulation, die ihm von Herzen gegönnt seien, nicht zu leichtsinnigem Einsatz dieses Ausdrucksmittels verleiten lassen; denn grammatikalisch hat es der Nullartikel in sich! Der Schlüssel zum richtigen Gebrauch des Nullartikels liegt in der, wie man meinen sollte, trivialen Feststellung, daß der Nullartikel ein Artikel ist. In der in jeder Hinsicht empfehlenswerten Deutschen Grammatik von Buscha und Helbig1) werden folgende Merkmale für die Wortart der Artikelwörter angeführt (ich zitiere):

  1. Die Artikelwörter stehen immer vor dem Substantiv.

 
Merke: Setze den Nullartikel niemals hinter das Substantiv!

  2. Vor dem Artikelwort kann kein anderes Artikelwort stehen.

 
Also: Der Gebrauch des Nullartikels verpflichtet zu vorheriger Enthaltsamkeit!

  3. Das Artikelwort kann seine Position im Satz niemals allein, sondern nur mit dem zugehörigen Substantiv ändern.

 
 
Daher ist von den folgenden beiden Umstellungen des Satzes Ich esse Brei. die erste korrekt, die zweite jedoch vollkommen abweichend: Dieser Satz enthält den Nullartikel zwischen dem finiten Verb und dem Subjekt, wo nichts sonst hingehört:2)

(i) Brei esse ich.
(ii) Brei esse ich.

Solche feinen Unterschiede sollte der Sprachlehrer vielleicht dem Fortgeschrittenenunterricht vorbehalten. Auf jeden Fall aber muß von Anfang an auf korrekte Flexion Wert gelegt werden. Einmal eingeschliffene Fehler sind schwer wieder auszubügeln. Buscha und Helbig fahren fort:

  4. Die Artikelwörter kongruieren mit dem zugehörigen Substantiv (und einem dazwischenstehenden Adjektiv) in Genus, Kasus und Numerus.

 

Für alle Fälle sei hier die Flexionstabelle vollständig angegeben, von der sich bei Buscha und Helbig unverständlicherweise nur die erste Zeile für den Nominativ findet (auf S. 316).

  Singular Plural
mask. fem. neutr.
Nom.  Nullartikel   Nullartikel   Nullartikel   Nullartikel 
Gen.  Nullartikel   Nullartikel   Nullartikel   Nullartikel 
Dat.  Nullartikel   Nullartikel   Nullartikel   Nullartikel 
Akk.  Nullartikel   Nullartikel   Nullartikel   Nullartikel 

 

  5. Das Auftreten der Artikelwörter ist obligatorisch; das gilt auch für den Nullartikel.

 
Diese Regel kann in unserem Zusammenhang gar nicht genug betont werden. Vergiß den Nullartikel nie!

Ich möchte diesen Appell nicht nur an den Deutschlernenden gerichtet wissen, sondern auch und gerade dem deutschen Muttersprachler ans Herz legen. Nachdem bereits der Genitiv und der Konjunktiv I vom Aussterben bedroht sind, wollen wir nun nicht auch noch den Nullartikel durch leichtfertige, unachtsame Weglassung in seiner Existenz gefährden. Ist ein bißchen Sorgfalt wohl zuviel verlangt in anbetracht des so geringfügigen Artikulationsaufwands? Man bedenke, wir könnten sonst vielleicht Zeugen einer Entwicklung werden, an deren Ende es den Nullartikel gar nicht mehr gibt!!

Anmerkungen

1) Für den praktischen Gebrauch vor allem im Ausländerunterricht kenne ich keine bessere und handlichere Grammatik der deutschen Sprache als die von Buscha und Helbig. Die Autoren mögen es mir verzeihen, daß ich ausgerechnet ihr Werk hier heranziehe. Ich rechne auf ihren Humor. Die Zitate sind S. 314 und 315 entnommen.
2) Einige spitzfindige Kollegen, die ich hier nicht mit Namen nennen möchte, sind der Meinung, daß im Falle von Satz (ii) der Nullartikel zwischen finites Verb und Subjekt gehöre, gerade weil dort nichts hingehört, und daß infolgedessen dieser Satz ebenfalls korrekt sei. Diese Meinung ist natürlich vollkommen abwegig.

Literatur

Helbig, Gerhard und Joachim Buscha: "Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht". VEB Verlag Enzyklopädie, Leipzig, 1979.